Über die Wandlung des Begriffes Idea/Idee

Wenn wir heute über den Begriff Idea/Idee reden, reden wir zu meist über ein Gebildes unseres Geistes. „Ich habe diese Idee.“ sagen wir, wenn wir eine bestimmte Vorstellung haben. In der Antike existierte der Begriff Idea/Idee auch schon, aber wenn ihn jemand damals gebrauchte, meinte er damit keine Vorstellungen seines Geistes. Vielmehr war die Idee ein Muster zur Erkennung von Gegenständen in der Welt. Die Idee enthielt nämlich invariante(unveränderliche) und variante(veränderliche) Merkmale, die das Erkennen von Gegenständen eindeutig machen sollten. Eine Kuh hat zum Beispiel die invarianten Merkmale „Sie hat einen Kopf, ein Herz und eine Niere“ – diese Merkmale muss sie aufweisen, um als Kuh identifiziert zu werden. Eine variante Eigenschaft wäre hingegen „Eine Kuh ist lila.“ – die Kuh kann diese Eigenschaften aufweisen, sie muss es aber nicht. Unabhängig von der Tatsache, ob eine Kuh lila ist oder nicht, ist sie eine Kuh. Die nächste Kuh könnte braun sein, einen Kopf, ein Herz und eine Niere besitzen. Sie wird auch als Kuh erkannt.

Die Bedeutung des Begriffs Idea hat sich mit dem Fortschritt der Zeit verändert. Dieser Fakt wird wichtig, wenn es um das Verstehen von antiken Texten geht. Aus diesem Grund möchte ich in Beispieldialogen die Verwendung des Begriffes in einem bestimmten Zeitalter erläutern. Die Begriffe Idea und Idee können synonym verwandt werden.

Die Antike

Proponent: Dies ist ein Bosten Terrier.
Opponent: Nein.
Proponent: Doch, schau dir die Idea an und vergleiche.

Wenn in der Antike eine Person aufgefordert wurde eine Idea anzuschauen, so wünscht ihr Gesprächspartner, dass sie auf die Ideen aus der Ideenwelt zugreift. Diese Ideen sind noch kein Produkt des Geistes. Sie befinden sich sogar außerhalb des Körpers. Aus diesem Grund war der Begriff Idea in der Antike die Abkürzung für den InterDimensionsErklärungsAlmanach.

Jede Person hatte auf ihn Zugriff und er sollte zur Klärung von Streitfragen beitragen. Vorteil der Sache, da er außerhalb unseres Geistes lag, war der Almanach eine gute Quelle zur Lösung von Wissensfragen, da ihm keine Subjektivität vorgeworfen kann. Nachteil ist leider, dass er nur eine gedachte mögliche theoretische Autorität war. Wenn ihn denn wirklich geben sollte – wäre das zunächst toll – aber es treten neue Probleme auf: Interpretiere ich richtig? Wie steht es um eine Idee der Idee? …

Die Neuzeit

Proponent: Dies ist ein Bosten Terrier.
Opponent: Nein.
Proponent: Doch, schau auf die Idee, die ich habe, und vergleiche bitte!

Mittlerweile ist der Begriff „Idea“ ein mentaler Zustand geworden und damit ein Produkt unseres Geistes. Während eine Idea bei Platon angeboren war, erwirbt ein Individuum Ideen im Laufe seines Lebens. Allerdings stellen die Ideen keine relative Größe dar, sondern eine absolute. Die Idee kann nicht verändert werden, sie bleibt starr, wodurch jeder Mensch seine eigenen Ideen besitzt, er diese aber nicht überdenken kann. Idea ist also eine Abkürzung für IndividuellerDeutungsEnzyklopädischeAnordnung.

Praktisch an diesem Modell ist die Starrheit. Die Idee eines Bosten Terriers wird heute wie in 50 Jahre die gleiche sein. Sie kann nicht verändert werden. Aber auch tritt das Problem auf: Was passiert, wenn wir eine neue Eigenschaft am Bosten Terrier entdecken, wer entscheidet darüber, ob diese wichtig ist?

Die Moderne

Proponent: Dies ist ein Bosten Terrier.
Opponent: Nein.
Proponent: Doch. Er hat folgende Eigenschaften.
Opponent: Einige fehlen noch.
Proponent: Lass sie uns ergänzen.

Der Prozess des Streitgesprächs kann nicht mehr mit einen Verweis auf äußere Autoritäten geklärt werden. Die Teilnehmer des Gesprächs finden sich im Dialog zusammen und erklären sich gegenseitig, wie sie einen bestimmen Sachverhalt wahrgenommen haben. Die Idee bleibt weiterhin mental, aber sie ist veränderbar. Eine Idee ist also eine ImDialogErarbeiteteAllgemeinregel.

Sie gilt nur noch für eine bestimmte Gruppe von Menschen – eben jene, die diese Deutung akzeptieren und benutzen. Was passiert nun, wenn wir einer anderen Kultur begegnen – wie wird dort ein Bosten Terrier wahrgenommen? Nun, egal wie die Wahrnehmung ist, solange wir uns über das Tier verständigen können, finden wir eine Lösung.

2 Antworten zu “Über die Wandlung des Begriffes Idea/Idee

  1. amruthgen 29. Juli 2010 um 13:09

    Ich habe sehr gelacht und auch viel Ernstes entdeckt. Zustimmen möchte ich Deinem letzten Satz, gleichgültig was mit unserer Idee eines Bosten Terriers ist, es dürfte mit dem Einigen auf einen Namen schon klappen, wenn wir nur das Tier vor Augen haben, sprich die Sache im Blick!
    Das ist so einfach, dass Philosophen von Rang sich damit nicht befassen, weil es banal ist. Bei denen muss dann eine Verhandlungsvorschrift her, müssen vorher Eckpunkte festgesetzt werden, logische Prinzipien (Habermas) beachtet werden … solange die dann damit beschäftigt sind hat sich ‚mensch‘ untereinander vermutlich längst verständigt.
    Monika

    • Magnus 30. Juli 2010 um 22:35

      Hallo Monika,
      zunächst Danke für deinen Kommentar. Freut mich, dass ich dich unterhalten konnte. Doch ich muss die Philosophen in Schutz nehmen, denn es ist doch gar nicht ihre Aufgabe zu klassifizieren, was ein Bosten Terrier ist – sollten wir das nicht den Biologen überlassen? Die Philosophen legen die Metaebene der Klassifizierungen fest, sie geben Richtlinien an, was untersucht werden sollte und dabei – wie du richtig bemerkt hast – verlaufen sie sich in die Theorie. Diese gleitet nun von der Praxis ab, bis beide sich unvereinbar und fremd gegenüber stehen.

      Gruß Magnus

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