Robinsons Sprachen – Zwischen öffentlichen und privaten Worten

Als Robinson Crusoe damals auf seiner Insel landete, fand er sich in einer völlig neuen und fremden Umgebung vor. Viele Dinge waren ihm unbekannt und ein Freitag war noch nicht in Sicht. Was Robinson mitbrachte, war seine Sprache, sie umfasste Worte um die Welt zu beschreiben, Worte um über sein Innenleben Auskunft zu geben, Worte um über das Innenleben anderer Menschen Auskunft zu geben und Worte um sprachliche Handlungen, wie zum Beispiel ein Versprechen, zu tätigen. Außerdem hatte er sein Wissen über handwerkliche Tätigkeiten und die Errungenschaften der Zivilisation im Gepäck. Die Worte aus seiner Sprachgemeinschaft waren öffentlich, sie waren allen Mitgliedern zugänglich und so auch ihre Bedeutung.Konnte seine Sprache ihm bei Überleben helfen oder musste er die Worte neu entdecken, um die seltsamen Dinge auf der Insel zu beschreiben?

Mithilfe seiner Sprache, des gelernten Alphabets, befand er sich in der Möglichkeit neue Worte zu erfinden. Ja, er konnte (und wir können es heute noch) neue Worte erfinden, um zum Beispiel neu entdeckte Pflanzen oder Beeren zu benennen und um enträtselte Zusammenhänge begrifflich zu verankern. Einziger Nachteil an diesen Worten war, dass er sie mit niemanden teilen konnte, denn er war der einzige, der sie kannte. Aus diesem Nachteil entstand noch ein größerer Nachteil, denn die Bedeutung der Worte war von seinem Erinnerungsvermögen abhängig. Woher kann Robinson also wissen, dass die Worte die er heute gebraucht, um eine Pflanze zu benennen, genau die gleiche Bedeutung wie vor zehn Jahren haben? Dieses Problem betraf auch die Worte, die er aus seiner Sprachgemeinschaft mitbrachte, wie konnte er wissen, dass das Wort „Haus“ immer noch, dass gleiche bedeutet, wie vor zehn Jahren? Jemanden fragen konnte er nicht – er musste sich zu 100% auf sein Gedächtnis verlassen und wie wir wissen, irren Menschen, sie vergessen und sie erinnern sich falsch. Somit war es höchst fragwürdig, was er mit seiner Sprache anstellte.

Privat und Öffentlich – Ich und ihr
Über die Möglichkeit einer privaten Sprache, die ein Individuum nur mit sich selbst und niemand anderen ausmacht, diskutieren Philosophen seit Dekaden. Angestoßen von Wittgenstein, der in seinen Philosophischen Untersuchungen sich nicht entscheiden kann, ob sie nun möglich ist oder nicht, entwickelt jeder, der sich mit der Materie beschäftigt seine eigene Meinung. Das Begriffspaar der „öffentlichen Sprache“ wird dabei wie selbstverständlich als Gegenstück der privaten Sprache verwandt und seine Bedeutung scheint sich nur an ihrem Gegenteil festmachen zu können. Doch die Verbindung der Öffentlichkeit mit der Sprache ist einfacher zu erklären als gedacht.

Der Begriff der Öffentlichkeit markiert den Rahmen in dem eine Sprache Anwendung findet, nämlich bei allen die diese Sprache sprechen. Die deutsche Sprache ist zum Beispiel eine öffentliche Sprache, weil weit mehr(!) als eine Person diese Sprache sprechen und sie im deutschen Kulturraum allen Schichten zugänglich ist. Die Sprache der Bo könnte als private Sprache bezeichnet werden, denn es gab nur noch eine Person, die sie beherrschte. Als Boa Sr dann leider starb, starb mit ihr, eine Sprache, die über 65.000 Jahre alt war.

Doch die Teilnahme an einer Sprache ist nicht einfach so möglich. Es gibt Vorraussetzungen, wie bei jedem Spiel. Ein Teilnehmer muss die Regeln lernen, nach denen gehandelt und gesprochen wird. Erst mit dem Lernen einer Sprache, dem Wissen wie Worte zu verwenden sind und was sie bedeuten, kann ein Individuum an einer Sprachpraxis teilnehmen. Die Bedeutung der Worte erschafft es dabei nicht selbst, sondern es lernt sie von anderen. Sollte es sich einmal versprechen, etwas falsch bezeichnen oder sich falsch erinnern, so kann es auf die kompetente Hilfe von Sprachpartnern bauen, die die Fehler berichtigen, denn an einer öffentlichen Sprachpraxis kann nur teilnehmen, wer die Worte richtig verwendet.

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