Muße – Im Leerlauf fahren und vielleicht ankommen

Autor Ulrich Schnabel hat ein ganzes Buch über das produktive Nichtstun, genannt Muße, geschrieben. Darin erläutert er in sechs Kapitel diese besondere und heute scheinbar vergessene Tätigkeit aus historischer, sowie auch aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht. Gespickt mit kleinen Beispielen und historischen Vorbildern bringt er so seinen Lesern die implizite Forderung nach mehr Ruhe nah. Eine Buchvorstellung.

Fragt sich Ruhe wovon? Denn der Sport nach der Arbeit hat bestimmt bei Vielen im Alltag einen Platz gefunden. Schnabel geht es um Ruhe von Reizen, Ruhe vor Informationen und Sinneseindrücken. Grade Büroarbeiter oder solche mit Internetanschluss befinden sich in der Situation den ganzen Tag neue Informationen zu erhalten – zum Leidwesen ihres Gehirnes. Denn dieses findet so keine Zeit mehr, um die Informationen zu verdauen oder um zufällig produktiv zu sein.

Muße anders betrachtet

Zu Beginn des Buches legt der Autor viel Wert auf die Klärung des Begriffes „Muße“. Denn es ist davon auszugehen, dass viele eine verschwommene Vorstellung vom Müßiggang besitzen, doch leider nicht genau wissen, was denn damit gemein ist. Schnabel klärt mit Psychologen und Soziologen auf. Der Müßiggang wird zur Handlung, die nur sich selbst dient und damit kein Ziel, wie Erfolg, Karriere oder Geld verfolgt; aber trotzdem keine Zerstreuung oder Ablenkung liefert. Es ist die „Kunst der Absichtslosigkeit“. (S. 23)
Mit dieser Feststellung hat er natürlich einen Nerv getroffen, denn Handlungen ohne Absicht sind in der heutigen Gesellschaft verabscheuungswürdig. Man stelle sich nur eine Angela Merkel vor, die ruhig und entspannt in ihrem Büro sitzt und nichts gegen die herrschenden Krisen oder den Absturz des Euros unternimmt oder nicht einmal den Eindruck erweckt, sie würde etwas tun – Es sei angemerkt, dass Merkels Strategie des Aussitzens manchmal diesen Eindruck erweckt, wohl aber keinen Müßiggang darstellt.

Merkel für ihr Verhalten einen Vorwurf zu machen, wäre falsch, denn sie steht an der Spitze einer Politik, die sich in einer immer schneller werdenden Gesellschaft behaupten muss und diese Beschleunigung betrifft nicht nur die Politik sondern alle Bürger. Die Geschwindigkeit führt sogar dazu, dass „die Politik heute zu großen Gesellschaftsentwürfen gar nicht mehr in der Lage“ ist, so Schnabels Behauptung. (S. 190) Ein interessanter Gedanke der im Pessimismus endet, denn mit Hilfe des Soziologen Rose wird die Aussage getroffen, dass „das politische Projekt der Moderne >an sein mögliches Ende gelangt< ist“.(S. 190) Hier stellt sich die Frage: Welches politische Projekt? Meint Schnabel die Demokratie? Im Kontext des Kapitels ist natürlich die Interpretation erlaubt, dass die Demokratie am Ende sei, da ihre Politiker nur noch kurzfristig handeln, um Ergebnisse zu erbringen oder das unter dieser Geschwindigkeit keine nachhaltige Politik betrieben wird.

Schnabel, der sich auch mit einer wissenschaftlichen Betrachtung des Glaubens beschäftigt hat, gibt in seinem Buch einige Ergebnisse der Neurowissenschaften wieder. Diese dienen ihm, um seine Forderung nach mehr Muße zu unterstreichen. Neurowissenschaftler haben bei ihren Probanden nämlich festgestellt, das zwischen den Aufgaben des Experiments ganz andere Bereiche des Gehirnes aktiv waren. Heute wird diese Aktivität als das Leerlaufnetzwerk bezeichnet. Was passiert, wenn das Gehirn keine Reizeinflüsse verarbeiten muss. Nun es beschäftigt sich mit sich selbst. Es ordnet Gedanken, stellt neue Verbindungen her und produziert eventuell eine tolle Idee. Schützenhilfe kommt von Psychologen, denn die Ergebnisse der Forschungen zu den Grenzen des Arbeitsgedächtnisses sprechen für mehr Räume ohne Reizeinflüsse.

Das Buch von Schnabel wirkt auf den ersten Blick wie eine Selbstrechtfertigung für so manchen kurzen Schlaf am Arbeitsplatz. Doch dahinter steckt mehr, denn mit wissenschaftlichen Argumenten bringt der Autor stichhaltige Punkte in die Diskussion um die Ruhe. Auch trifft er zahlreiche Unterscheidungen um zum Beispiel den Müßiggang vom Faul sein oder dem Wunsch nach Ablenkung zu trennen. Die begriffliche Klarheit die er hier schafft, sollte den Müßiggang fähig machen in die Arbeitswelt einzuziehen, um gestressten Mitarbeitern Pausen zu gönnen. Eine Aufhebung der Trennung von Freizeit und Arbeitszeit, also von Pflicht und Vergnügen würde ihr übriges tun.

Hier geht es zum Buch: Blessing Verlag
Hier geht es zur Vorstellung des Buches auf Zeit.de, die Ulrich Schnabel selbst geschrieben hat: Geistreiches Nichtstun
Bildquelle: Blessing Verlag

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