Das Paradox auflösen: Je mehr, desto weniger?

Wir leben in einer Zeit, die durch eine Hohe Geschwindigkeit geprägt ist. Es ist die Geschwindigkeit mit der wir kommunizieren, arbeiten erledigen oder konsumieren. Die viele Technik sollte uns dabei als Zeitersparnis dienen, doch je mehr wir Zeitsparen, umso weniger Zeit haben wir! Wer dieses Paradox auflöst, kann für wenige Momente aus dem Kreis der Gehetzten austreten.

Es geht uns wie diesen Katzen. Wir kommen nicht vom Baum herunter und holen deswegen Verstärkung.

Wie real ist dieses Gefühl, dieser Eindruck, dass die Zeit knapper wird, obwohl Methoden entwickelt werden, um Zeit zu sparen? Woran macht sich das bemerkbar? Nun es sind die Alltagsdinge, die einfach dazu gehören. So ist es zum Beispiel der Coffee to go, der ein Symptom unserer hohen Geschwindigkeit ist und zugleich Ausdruck, mehr als nur eine Tätigkeit gleichzeitig auszuführen. Wer geht nicht zur Arbeit, während er den Kaffee trinkt oder liest eine Zeitung? Wir leben also den Wunsch aus, möglichst viel auf einmal zu erleben, da uns so unsere Zeit wertvoll und sinnvoll verbracht erscheint. Dieses Effizienzdenken macht sich bei der Auswahl der Sportart, sowie bei der Abendgestaltung bemerkbar. Zunächst ist die Auswahl an Sportarten und Abendgestaltungen riesig. Was kann man nicht alles machen? Um nun möglichst viel zu erleben, versuchen wir möglichst viel auf einmal zu machen. Wäre es da nicht am Effizientesten den Sport zur Abendgestaltung zu erheben? Doch ein Problem wartet hier noch: Was ist mit den ausgeschlagenen Möglichkeiten, wann werden sie nach geholt? Wann reisen wir um die Welt, um möglichst viel kennen zu lernen. Wahrscheinlich nie!

wort

Erkenntnis 1 – Mehr Zeit, mehr Optionen?

Zunächst ein Logikwitz:
Prämisse 1: Je mehr Käse, desto mehr Löcher.
Prämisse 2: Je mehr Löcher, desto weniger Käse.
Konklusion: Je mehr Käse, desto weniger Käse.

Logisch sicher nicht einwandfrei, doch durch aus übertragbar auf das oben genannte Paradox.
Prämisse 1: Je mehr freie Zeit für Aktivitäten, desto mehr mögliche Aktivitäten.
Prämisse 2: Je mehr mögliche Aktivitäten, desto weniger Zeit für eine Aktivität.
Konklusion: Je mehr freie Zeit für Aktivitäten, desto weniger Zeit für eine Aktivität.

Was kann aus diesem Beispiel geschlossen werden? Nun es muss festgehalten werden, dass wir in einer Gesellschaft der vielen Optionen leben. Das heißt die Auswahl, was wir mit unserer Zeit und unserem Geld anfangen ist riesig. Die vielen Optionen zeigen sich schon beim banalen Besuch des Supermarktes, wenn es um die Wahl eines Puddings geht. Warten hier nicht viele Sorten Pudding für den Verzehr? Ja, und da wir uns meistens nur für eine entscheiden, schmerzen die Verluste, der nicht wahrgenommenen Optionen umso mehr. Wie Psychologen erkannt haben: schmerzen Verluste mehr, als Gewinne Freude bringen. Das heißt die Niederlage ist schlimmer, als der Sieg glücklich macht. Um am Beispiel zu bleiben. Wir haben uns für einen Pudding entschieden und somit einen Sieg errungen. Dagegen haben wir uns gegen sechs andere Puddings entschieden und müssen somit sechs Niederlagen erleiden. Hier steht ein Sieg gegen sechs Niederlagen!
Diese Entscheidungssituationen können sich noch weitere verschärfen, wenn sich unser monetärer Besitz verbessert, denn mit mehr Geld erlangen wir weitere Zugänge zu mehr Optionen, als vorher.

wort

Erkenntnis 2 – Mehr für wen?

Stellen wir uns vor ein Arbeiter produziert in sechs Stunden zehn Güter. Nun schlägt er eine Optimierung seiner Arbeit vor, damit er eher zu seinen Kindern nach Hause gehen kann. Der Vorgesetzte willigt zur Optimierung ein. Nach der Installation der Verbesserung kann der Arbeiter in sechs Stunden zwölf Güter produzieren und hat somit seine Leistung um 20 % gesteigert. Nun gibt es zwei mögliche Enden:
A) Der Arbeiter wird effizienter und kann in gleicher Zeit mehr produzieren.
B) Der Arbeiter produziert nun in weniger Zeit weiterhin zehn Güter und kann eher nach Hause gehen.

Wie wird sich wohl die Arbeitswelt des Arbeiters entwickeln? Nun sein Vorgesetzter freut sich natürlich über die Steigerung der Produktion und so auch das ganze Unternehmen, denn sie können mehr Güter verkaufen. Der Arbeiter wird nicht eher nach Hause gehen können, da er nach Stunden bezahlt wird und nicht nach produzierten Gütern. Hier zeigt sich, dass die Steigerung der Effizienz ein doppelschneidiges Schwert ist, dass für den Arbeiter keine Vorteile liefern wird. Vielleicht könnte es ihm sogar noch Nachteile bescheren, da nun für die Zukunft mehr produzieren muss.

wort

Schlussfolgerungen

Wir leben in einer Welt der vielen Optionen und sonderbarer Weise scheint es der Wunsch des Einzelnen zu sein, möglichst viel davon wahrzunehmen, zu erleben und zu konsumieren. Das befriedigt zunächst unser Gehirn, welches oft auf der Suche nach neuen Eindrücken ist! (Das Gehirn ist natürlich nicht auf der Suche nach neuen Eindrücken. Wir sind es. Das Gehirn ist lediglich so „programmiert“ das Belohnungen ausgeschüttet werden für neue Erlebnisse.) Doch solch ein Verhalten führt zu Multitasking und zur Oberflächlichkeit, denn die Zeit um bei einer Materie in die Tiefe zu gehen, verringert sich immens. Was daraus folgt, sind schlecht informierte Individuen, die von einem Reizen zum nächsten Reiz jagen. Sie erliegen ihren Wünschen und den Verführungen der Gesellschaft – wie es bei Kindern noch der Fall ist. Sie sehen etwas und wollen es, ohne zu wissen warum und was ihnen der Gegenstand in Zukunft bringen könnte. (Es wird oft von der Erfahrung berichtet, dass ein Gegenstand erworben wurde und er nach zwei Tagen nicht mehr interessant genug war. Vielleicht sollte man daraus seine Schlüsse ziehen!)
Eine weiteres Problem ergibt sich aus der mangelnden Kritikfähigkeit und Reflexivität, denn die Frage sei erlaubt: Was ist denn die beste Option? Und wer diese Frage beantworten möchte, wird aus dem Hamsterrad heraustreten und sich Kriterien überlegen, wie er die beste Option finden könnte. Hier sollte dann ein Prozess des Überdenkens einsetzen, der vielleicht im Ergebnis mündet, dass nicht jede Option wahrgenommen werden muss.
Eine Abstraktion der Parkinsonschen Gesetzes könnte eine Antwort liefern, denn aus der Feststellung des Historikers und Soziologen Cyril Northcote Parkinson „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht – unabhängig davon, wie groß die Arbeitsmenge tatsächlich ist.“ wird die Erkenntnis: „In dem Maße, in dem wir durch Technik Zeit gewinnen, steigen unserer Ansprüche und Anforderungen.“(1) Als Beispiel für die Feststellung von Parkinson soll der Vergleich des Briefmarkenkaufs von einer Oma und von einem Manager dienen. Die Oma hat viel Zeit und investiert dementsprechend viel ihres Tages in den Kauf der Briefmarke. Der Manager hingegen ist viel beschäftigt und widmet dem Kauf nur wenige Minuten seiner Zeit. Es ist die gleiche Tätigkeit, die unterschiedlich viel Zeit beanspruchen kann. Zur Abstraktion durch Schnabel lässt sich sagen, dass wir an unsere Zeitgestaltung schon mit dem Anspruch herangehen, sie möglichst sinnvoll zu verbringen. Bloß biegen wir an dieser Zweigung falsch ab, denn zwischen der Wahl Möglichst viel erleben in wenig Zeit und Zeit nehmen für eine Sache, wählen wir die falsche Option.

Quelle:(1) Ulrich Schnabel, Muße – Vom Glück des Nichtstun, Seite 40

2 Antworten zu “Das Paradox auflösen: Je mehr, desto weniger?

  1. och 17. Dezember 2010 um 13:57

    Ich denke, heutzutage muss man sich einfach mal „zwingen“, sich Zeit für eine Auszeit zu nehmen.
    Auszeit von Emails, telefonaten, Auszeit von „dauer-online“ sein, usw.
    Einfach mal Zeit nehmen für sich selbst, spazieren gehen, im Bett rumgammeln, an nichts denken.
    Was nützen einem denn die ganzen lustigen technischen Vorteile, wenn man Abends tot ins Bett fällt.
    Aufstehen, arbeiten, schlafen – zwischendurch noch zum einkaufen hetzen, das kann auf dauer kein Leben sein.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: