Den Ernstfall proben

Mehrere Treppen geht in der Untergrund hinunter. Das Dröhnen der U-Bahn ist alle paar Minuten zu hören. Eine Metalltür fällt zu und ich befinde mich in einer Bunkeranlage um den Ernstfall proben. Zum Glück sind wir nicht allein, denn eine Führerin wurde uns an die Seite gestellt. Genauer gesagt, werden heute zwei Ernstfälle geprobt: Der mögliche Atomschlag, während der Kalten Krieges Ende der 80er Jahre und der Luftangriff auf eine deutsche Großstadt, während des zweiten Weltkrieges. Ich befinde mich in Berlin.

Zwar rede ich davon, dass wir den Ernstfall proben, doch eine Probe ist dies auch nicht, denn ich lasse mich durch die Unterwelten führen und schaue mir an, wie die Leute in der DDR sich damals auf einen Atomschlag vorbereitet hätten und wie die Bewohner sich vor den Bomben geschützt haben.

weiß

14 Tage im Bunker

Ende der 80er Jahre wurde der Bunker zur einen Anlage ausgebaut, die vor einem Angriff mit Atombomben schützen sollte. Doch selbst im Empfehlungsschreiben für den Bau stand schon, dass die Anlage nie vor einer Atombombe hätte schützen können. Trotzdem wagen wir uns hinab. Insgesamt war die Anlage für 1300 Menschen ausgelegt und sie sollten hier 14 Tage überleben. Nach diesen zwei Wochen wären die Wasservorräte ausgegangen und sie hätten zurück an die Oberfläche gemusst. Genau an die Oberfläche, wo sich der radioaktive Fallout breit macht und alles verstrahlt sowie zerstört wurde. Na, wenigstens überlebt.
Dieser Bunker zeichnet sich durch seine bizarren Anlagen aus. So gibt es ca. 30 Toiletten, die so angerichtet sind, dass dort niemand Selbstmord begehen kann, weil für jeden Besucher max. 30 Sekunden Toilettenzeit vorgesehen sind. In einem Schlafraum, der ca. 19 Quadratmeter groß ist, sollen 64 Personen unterkommen und schlafen. Unsere Begleiterin lehnt sich gegen ein Bett und zeigt uns, dass alle anderen Betten mitklappern. So wäre natürlich kein guter Schlaf möglich. Außerdem waren die Unterhaltungsmöglichkeiten stark begrenzt und durch die entstehende Langeweile hätten sich die Überlebenden ihrer Situation klar werden können.
Eine Großküche sollte die Personen versorgen. Ungefähr alle zwei Tage war eine Mahlzeit vorgesehen, um die Überlebenden zu vorsorgen. Damit dies reibungslos ablaufen sollte, gab es rote und gelbe Schälchen in denen Suppen gefüllt werden konnte. Eigentlich unvorstellbar, denn ich lebe im Luxus Essen zu können, wann ich möchte und dann soll ich mich auf eine Mahlzeit an zwei Tagen reduzieren? Eine gereizte Stimmung ist wohl die Folge.

weiß

Schutz für mehrere Stunden

Während die Luftangriffe auf Berlin geflogen wurden, versteckte die Bevölkerung sich in ausgebauten Kellern und eben in Luftschutzkellern. Einen davon habe ich besucht. Er war schlecht belüftet und pro Raum wurden Belegungszahlen vorgegeben. Doch wie uns unser Begleiter aufklärte, ist es wohl realistisch, dass die Belegungen sich verdrei- bis fünffachten. Eng sitzt nun die Besuchergruppe auf den Bänken in einem Raum. Er hat zwei Ausgänge und die Türen sind verschließbar. Mehrere Stunden in diesem Raum wären wohl für Kinder, die am Boden spielen, tödlich, denn ohne Belüftung sinkt der Sauerstoffanteil der Luft unaufhörlich weiter. Zum Glück mussten die Menschen hier nur wenige Stunden aushalten und nicht gleich mehrere Tage.
In einem weiteren Raum stehen mehrere Toiletten. Sie muten alt an und das sind sie auch. In ihren Spülkasten lag eine Art Streu, dass auf die Hinterlassenschaft gekippt werden kann. Wasser war nicht vorhanden. Der Name für diesen Ort: Abort.
In den anderen Räumen befinden sich Ausstellungsstücke, die die Kreativität im Bombenbau verdeutlichen und zeigen, wie groß gedacht wurde. Nach dem Krieg wurden diese Reste zum Herstellen von Gebrauchsgegenständen genutzt. Da wurde dann der Wehrmachthelm zum Nudelsieb und aus Bombenhülsen wurden Öfen gebaut. Nur Dank der Leistung der Trümmerfrauen und ihrem Willen zum Überleben, konnte das Chaos des zweiten Weltkrieges beseitigt werden.

weiß

Zwei Anlagen, zwei Stimmungen

Es macht einen großen Unterschied, ob mehrere Stunden unter Tage verbracht werden sollen oder gleich mehrere Wochen. Auch ist die Stimmung eine ganz andere. Zwar waren die Personen in beiden Bunkern zusammengefercht, aber im Luftschutzbunker wußten sie, was sie draußen erwartet hätte. Aber die Personen im Atombunker waren abgeschnitten von der Außenwelt und wären nach zwei Wochen in eine Realität gegangen, in der alles Tod und zerstört war, sowie radioaktiv verstrahlt. Was für eine Zukunftsperspektive hätten diese Menschen dann? Wäre es nicht besser gewesen, sich mit den Alkoholresten zu betrinken und dann in den hellen Lichtblitz zu schauen? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden – zum Glück bleibt es eine theoretische Überlegung.

Wer sich auch die Bunker in Berlin anschauen möchte, kann sich gerne hier informieren: Berliner Unterwelten e. V.
Bildquelle: Berliner Unterwelten e.V. | Holger Happel

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: